Petra Johanna Barfs


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Riss/Gegenriss
von Stefanie Böttcher, 2017

Wege
von Matthias Wellmer, 2016

Über "Die Blaue Stunde"
von Esther Erfert M.A., 2015

Eröffnungsrede von
von Ludwig Seyfarth, 2012

Erinnerung an die Erinnerung
von Peter Härtling, 2009

Heimat, Identität und Tabu
von Dr. Isa Bickmann, 2007
Riss/Gegenriss von Stefanie Böttcher

Die Collage ist Petra Johanna Barfs Medium. Dabei unterscheidet sie zwar zwischen „Collagen“ und „Wandarbeiten“, doch beide Werkgruppen und Techniken sind durch das eingangs genannten Prinzips miteinander verbunden. Den Anfang macht stets der Sichtungsprozess: Vor, während und nach Reisen in Städte, Landstriche, Gegenden findet die künstlerische Auseinandersetzung mit ebendiesen anhand von Abbildern statt. Das bedeutet, dass sich Petra Johanna Barfs Orten und deren Persönlichkeiten nähert, indem sie Bücher, deren Geschichten und Bilder durchkämmt. Ihre Streifzüge begeht sie durch Buchseiten. Damit ist bereits ein wichtiger Aspekt ihrer Kunst angesprochen: Schon im Annäherungsprozess arbeitet sie mit existierenden Abbildern. Nicht eigene Malerei oder Fotografien, sondern gefundenes Material bildet ihren Werkstoff – und dies nicht nur in der Vorbereitung, sondern auch im konkreten Kunstwerk. Denn Petra Barfs arbeitet stets mit Abbildungen aus Karten- oder Bildbänden, die sie mittels Risse quer, längs oder schräg zerteilt. Oft geht sie noch einen Schritt weiter, fertigt Kopien – also Abbilder der Abbilder – von diesen an und zerlegt sie erst im Anschluss.

Bildinhalt, Formen und Proportionen leiten sie im Setzen der Übermalungen – wie bei den „Ostfriesischen Dichtungen“ sowohl innerhalb der gerahmten Bilder als auch auf der bemalten Wand – oder der Risse. Doch die Risse – und das sieht man den Collagen an – sind gerade nicht vorsichtig, langsam und präzise gesetzt, sondern kraftvoll und entschieden vollzogen. Anstatt gerader, sauberer Kanten schlängeln sich wie durch die Kräfte der Natur über Jahrzehnte hinweg geformte ausgefranste oder organisch gewachsene Linien durch ihre Werke. Nach dem Riss werden die geteilten Bildmotive mit einem, selten zwei weiteren Versatzstücken in Beziehung gesetzt, fest mit dem Bildgrund verleimt und gerahmt. Die oftmals so zart und kleinteilig daherkommende Collage trifft bei Petra Johanna Barfs auf einen kraftvollen Gestus und das macht viel Sinn, wenn wir die entstehenden Bildmotive anschauen: In den „Ostfriesischen Dichtungen“ und Wandarbeiten finden fast ausnahmslos Begegnungen mit Naturgewalten statt. Seien es nun hochgewachsene, starke Tannen, Berggipfel, die Weite der See, ja selbst in den Schiffen spiegelt sich die Kraft der Natur in ihren die Wolken berührenden Masten oder in ihrer starken Schieflage wider. Ebenso verhält es sich mit den dargestellten Personen, die starke Persönlichkeiten waren, sich mit der Natur auseinandergesetzt oder für ihre Leidenschaft sogar das eigene Leben riskiert haben – und das in der Natur.

Natur und Landschaft bilden also weitere wichtige Begriffe für Petra Johanna Barfs. Und damit landen wir ganz automatisch bei ihrer Herkunft: Sie wurde in Emden geboren, wuchs in Aurich auf und verbrachte ihre Kindheit an der Nordseeküste. Die unendliche Weite der Nordsee, das graubraune Wattenmeer, der starke Wind prägten einerseits ihre Kindheit und Jugend, aber auch ihr Bildgedächtnis. Ihr Prototyp von Landschaft formte sich in dieser Umgebung. Wenn wir also auf einen ausgefransten schlammgrauen Wandabschnitt oder Übermalungen blicken, sturmbewegte Meere oder Motive von Kaspar David Friedrich, schimmert das autobiographische Element der Werke durch. Wir begeben uns auf die Suche der Künstlerin nach Prototypen – die Suche nach einer Person oder einer Landschaft, die den Inbegriff oder die Grundform ihrer eigenen Herkunft bildet.

Doch erschöpft sich Petra Johanna Barfs Motivik nicht auf Meeresstilleben, auch Wälder und Berge finden Eingang in ihr Repertoire. Meer und Berg bilden dabei die beiden Pole, zwischen denen sie sich bewegt: Die unbeschreibliche Fläche und Weite der See versus die unermessliche Höhe bzw. Weitsicht vom Gipfel der Berge aus. Und auch dies bilden nicht einfach faszinierende Motive für die Künstlerin, sondern sie selbst ist begeisterte Bergsteigerin und erklettert regelmäßig Felsmassive. Sämtlicher Bildinhalt basiert demnach auf eigenen, intensiven Naturerfahrungen. Die Suche nach dem kollektiven typischen Abbild wird genährt durch persönliches Erleben.

Bei einem Blick auf die Titel wie „Gezeiten I mit Himmel“, „Mast“, „Baumgruppe II“ oder „Berg im Morgengrauen“ fällt auf, dass sie allesamt äußerst nüchtern und reduziert sind. Doch interessanterweise erfolgt deren Erweiterung in der Collage. Hier wird nämlich klar, dass die Titel lediglich Behauptungen darstellen. So wahrheitsgemäß sie zunächst erscheinen, umso unglaubwürdiger sind die Spiegelungen der Bäume, umso unsichtbarer die Gezeiten selbst. Was aber bereits in den Titeln angelegt und in den Bildern umso deutlicher wird, ist das Motiv der Dualität. Sonne und Mond, Ebbe und Flut, See und Berg, Ruhe und Sturm, Person und Landschaft, Motiv und freie Fläche – all dies bringt die Künstlerin in ihren Werken zusammen und zwar indem sie rechts und links sowie oben und unten miteinander kollidieren lässt. Die Zweiheit bzw. Zweigeteiltheit bestimmt ihre Arbeiten inhaltlich wie formal.

Im Zusammenhang mit ihren früheren Werkgruppen wurde immer wieder die Bezeichnung „Heimat“ verwendet. Das überrascht nicht, denn die Motive und die Bildatmosphäre sind vielfach Inbegriff deutscher Landschaft und in hohem Maße vertraut. Der Begriff „Heimat“ verweist zunächst auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Er bezeichnet den Ort, in den ein Mensch hineingeboren wird und an dem ihm die ersten tiefgreifenden Erlebnisse wiederfahren. „Heimat“ wirkt sich auf die Formung von Identität, Mentalität, Einstellungen und Weltauffassungen aus, bezieht sich aber ebenso auf die Prägung, die in einer spezifischen Landschaft erfahren werden kann.

Aufgrund der erneuten zunehmend nationalistischen Besetzung des Begriffes bevorzugt Petra Johanna Barfs seit einiger Zeit jedoch den Ausdruck „Identität“ – ein weitaus abstrakterer Topos, der weniger den starken Ortsbezug herstellt, sondern vielmehr auf die Relation zwischen Individuen bezogen ist. Er leitet sich von lateinisch „idem“ = „dasselbe“ ab. Auf sozialer Ebene wird darunter das dauernde "Sich-selbst-als-gleich-erleben" von Individuen verstanden. Als Äquivalent trifft die Bezeichnung „Zugehörigkeitsgefühl“ den Kern. Dieses Gefühl entsteht hauptsächlich, indem bestimmte soziale Rollen und Gruppenmitgliedschaften angenommen werden. Aber auch durch die Anerkennung dieser Rollen von außen. Im eigentlichen Sinne entfernen wir uns also von der Beziehung Mensch-Landschaft – damit von dem dualistischen Prinzip, das in den Barfs Werken vorherrscht – und begeben uns auf die Ebene der zwischenmenschlichen Prägung. Sehen wir die Natur hingegen als kreatürliches Element, als Gegenüber erscheint es durchaus angebracht, die menschliche Identität in einer Landschaftsform oder einem Landstrich zu verwurzeln.

Das Scharnier zwischen Heimat/Identität und dem Filmischen, das nun noch erwähnt werden muss, bildet die Erinnerung oder das Fragment. Denken wir an unseren Geburtsort, dessen Natur, Aussehen, Stimmung oder Bewohner zurück, landen wir automatisch in der Erinnerung, genauer gesagt in einem Ausschnitt des Gelebten. So wie jede Collage – und damit sind die Übermalungen inbegriffen – aus Abbildern bzw. Abbildern von Abbildern der Realität besteht, formuliert jede Erinnerung eine neue, subjektive Wahrheit. Sie ist bruchstückhaft und bleibt nur lebendig durch ihre kontinuierliche Neuschöpfung. Collage und Erinnerung bilden lediglich Ausschnitte, verbinden diverse Orte, Personen und unterschiedliche Momente im Leben oder der Geschichte miteinander. Im steten Wandel begriffen führen sie ihr Eigenleben und werden allein durchdacht oder miteinander geteilt.

Das Filmische wiederum ist auf das Engste mit der Erzählung sowie der Sequenz verbunden. Abfolgen von Ereignissen und Bilder sind das, was den Film ausmacht. Sie charakterisieren aber auch die Herangehensweise von Petra Johanna Barfs: Stets denkt sie in Sequenzen und nutzt die Effekte der Vervielfältigung. Dies wird durch das Serielle ihrer Werke klar, denn meist schafft sie mehrteilige Reihen, deren Einzelbilder aufeinander aufbauen, Bezüge zueinander herstellen, ein Teilmotiv wiederholen, es heranzoomen und dadurch vergrößern. Das einzelne gerahmt Bild steht dabei wie ein Still im Raum, der bereits von der nächstfolgenden Szene überblendet wird. Aber noch ein anderes technisches Element aus dem Film findet bei Petra Johanna Barfs Anwendung: Schnitt und Gegenschnitt oder in ihrem Fall besser Riss und Gegenriss. Mittels dieser Methode entstehen zwei Gegenüber, die miteinander interagieren. Es werden Relationen klar, Verbindungen, die allein auf der künstlerischen Entscheidung beruhen. Und noch etwas anderes passiert: Über die rein visuelle Beobachtung des Betrachters hinaus wird er in das Bildgeschehen gezogen. Riss und Gegenriss sind mit einem Perspektivwechsel verbunden und diese Spannung mündet in das emotionale Erleben des Bildmotivs.


(Stefanie Böttcher, Direktorin Kunsthalle Mainz, 2017)