Petra Johanna Barfs


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Wege
von Matthias Wellmer, 2016

Über "Die Blaue Stunde"
von Esther Erfert M.A., 2015

Eröffnungsrede von
von Ludwig Seyfarth, 2012

Erinnerung an die Erinnerung
von Peter Härtling, 2009

Heimat, Identität und Tabu
von Dr. Isa Bickmann, 2007
Wege von Matthias Wellmer

Petra Johanna Barfs stellt uns mit ihrer unverwechselbaren Stilistik die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von "Identität". Wer sind wir und was wollen wir wodurch sein? Sie konfrontiert uns mit ideologisch aufgeladenen und vielfach tradierten Orten, Motiven und Personen, die sie mit den Mitteln der Collage dialektisch gegeneinander kontrastiert. Dabei durchdringen sich unterschiedliche Ebenen wie Natur, Geschichte, Politik, Fiktion und Kunst zu einem neuem Ganzen, das den Betrachter immer wieder herausfordert, seinen eigenen Standpunkt im Verhältnis von sich und Welt zu bestimmen.

Die Künstlerin ist fasziniert von archetypischen Räumen wie dem undurchdringlichen Wald mit all seinen Konnotationen, das Bergmassiv, dessen Besteigung immer auch mit riskanten Grenzerfahrungen verbunden ist, sowie den ästhetischen Utopien der Moderne, die die Geburt eines neuen Menschen aus dem Geiste der Kunst oder dem Geiste monomaner gesellschaftlicher Weltentwürfe ermöglichen sollten. Orte und Programmatiken, die nicht nur als objektiv vorhandene existieren, sondern die in einem besonderen Maße im Laufe der Kultur- und Geistesgeschichte eine enorme metaphysische Au adung erfahren haben.

Ihre früheren Arbeiten, in denen provokant und dennoch unaufgeregt BDM-Mädchen auftauchen, sowie jene zu dem Gangsterduo Bonnie and Clyde, untersuchen, wieso Menschen ihre Individualität zugunsten übergeordneter oder selbst geschaffener Ideologien aufzugeben bereit sind. Warum sie sich aktiv der Illusion hingeben, durch das Abtauchen in den Maschinenraum von Masse und Macht glücklicher werden zu können. Eine Variation davon spielt sie mit der legendären Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt in einer anderen Werkreihe mit beeindruckender Konsequenz durch.

Jüngst erweiterte Petra Johanna Barfs ihr motivisches Repertoire um die Metaphorik der Seefahrt und des Meeres. Ähnlich wie die berühmten Entdecker der Neuen Welt - die zwar eine Vorstellung vom Ziel ihrer Expeditionen hatten, aber nie sicher sein konnten, ob ihr Unterfangen durch die Wirklichkeit bestätigt werden würde - unternimmt sie eine archäologische Suche nach der Gegenwart der Vergangenheit im Jetzt. Dabei nutzt sie Bibliotheken und Antiquariate, verfolgt die Spuren des "Erinnern", um aus diesem Geiste ihre eigene Perspektive und Form zu entwickeln. Die Künstlerin befragt die Präsenz und Faktizität der Bildspeicher und decouvriert dabei die Fiktion von "Authentizität". Hierbei offenbart sich eine überraschende Dialektik. Ihren Bildern ist ein Prozess eingeschrieben, der die benutzen Ursprungsmotive verwandelt.

Eine Struktur, in der die Zeit, der Bildträger, das Druckverfahren und der Zufall neue Bilder, neue originäre Repräsentationen generieren. Sie haben sich von ihrem Ursprung abgekoppelt und eine Eigenwertigkeit gewonnen. In ihnen lebt das ursprüngliche Bild nur noch als "Geist" weiter, wie es der französische Neostrukturalist Jaques Derrida mal prägnant auf den Punkt brachte.

Diese in Büchern gefundenen Abbildungen sind im übertragenen Sinne Petra Johanna Barfs Farbe, ihr Marmor. Alles spielt dabei für sie eine Rolle. Inhaltliche, aber auch materialästhetische und formale Aspekte: das Sujet des Dargestellten, sein rezeptionsgeschichtlicher Schweif, die Haptik des Bildträgers, die Patina der Abbildungen, die Imprese der Zeit.

Dies übernimmt sie aber nicht einfach, sondern dekonstruiert die ursprüngliche Bildlichkeit und setzt sie zu einem neuem Ganzen wieder zusammen. Dabei integriert sie schwarz- weiß Fotokopien und fügt so einen weiteren Aspekt hinzu, in dem sie die ursprüngliche Farbigkeit in eine Monochromatik wendet. Dichotomien entstehen.

Die Wunden bleiben offen und werden nicht kaschiert. Es gibt einen Riss, eine Unmöglichkeit im aktiven Erinnern.

Diesen betont sie, indem die Bildfragmente nicht achtlos zerrissen werden, sondern ein bewusst gestalteter Bruch als disruptive Bildstörung eingearbeitet ist. Bei Nahsicht gewinnen die Risskanten auf eine subtile Art fast skulpturale Qualität. In dem Riss kehrt auch eine Erinnerung an die Bergmassive ihrer früheren Werkphasen zurück. Er erzeugt zu der Weite des Meeres einen spannungsgeladenen Gegensatz. Er wirkt wie ein moderner "Paragone".

Petra Johanna Barfs Bilder operieren immer mit einer mehrfach kodierten Referentialität und Zeitstruktur, die ineinander verschränkt im Werk auf eine neue Stufe gehoben zur Anschauung kommen. Es sind Wege. Wege, wie "Erinnern" funktioniert; Wege, auf denen das Individuum seine Einsamkeit kompensiert hat; Wege des Nihil rmum. Wege, die der Betrachter nur für sich beschreiten kann.


(Katalogbeitrag "Gezeiten")