Petra Johanna Barfs


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Heimat, Identität und Tabu
von Dr. Isa Bickmann, 2007
Heimat, Identität und Tabu von Dr. Isa Bickmann

Die junge Frau in Sportkleidung stützt die Arme in die Hüfte und dreht sich freundlich lächelnd zur Kamera. Hinter ihr erhebt sich der "Edeltannenwald" als titelgebendes Motiv und Koordinate des Bildgeschehens. Die Edeltanne, eigentlich "Weiß-Tanne" und heimisch in den Wäldern Mitteleuropas, hat die Anmutung von Heimat und Erhabenheit. In einem anderen Bild wirkt er sehr düster, dieser Wald aus Edeltannen, der auch hier dominiert. über seinem dunklen Grün schweben wie graue Geister Mädchenköpfe, die aufgrund ihrer Frisuren und uniformen Hemden sogleich erkannt werden können als Mitglieder des Bundes Deutscher Mädel (BDM), der innerhalb der Hitlerjugend die 10-bis 18-jährigen Mädchen und jungen Frauen organisierte. Im unteren Drittel des Bildes tummelt sich ein Wolfsrudel, das man symbolhaft verstehen könnte, wenn man daran denkt, dass die SS aus der Schar des BDM zahlreiche KZ-Aufseherinnen rekrutierte. Mit dem Titel "Bayreuth" unterstreicht Petra Johanna Barfs die düster-wagnerische Grundstimmung des Bildes. Dabei arbeitet sie gegen die Schwere der dunklen Fläche, indem sie die aufgeklebten, vergrößerten Bildvorlagen weiß übermalt, dann die Farbe über die dunklen Flächen des Waldes laufen lässt und so die verschiedene Bildebenen, die Mädchen, den Wald und die Wölfe, miteinander verbindet. Das wirkt wie ein ikonoklastischer Akt.

Darstellungen der Hitlerjugend werden als Tabubruch begriffen, doch Barfs Anliegen ist es, einem Vergessen der historischen Gräuel entgegenzuwirken. Sie gehört zu der Altersklasse der zwischen 1960 und 1975 Geborenen, die in der Schule eine erste bewusste Auseinandersetzung mit dem oft von den Eltern tabuisieren Thema Nazizeit erlebte. Als junge deutsche Studentin in den Niederlanden war Petra Barfs zudem Anfeindungen ausgesetzt, die eben auf diese deutsche Vergangenheit anspielten. So gibt das Thema der Heimat und Identität Anstoß zu einer künstlerischen Auseinandersetzung, zuerst mit Hilfe der Fotografie, die sie bald als beschränkend empfindet.

Es wird deutlich, warum der Künstlerin, die Film und interdisziplinäre Kunst studiert hat, ein Medium allein nicht ausreicht. Barfs erfindet bühnenartige Schauplätze, auf denen sie in einer prozesshaften Konstruktion Stereotypen – so nennt sie selbst die Bildelemente wie Tannen, Häuser, Wölfe, Berge, Kruzifix – inszeniert. Ein anderes Werk zeigt sechs genormte Häuser mit roten Satteldächern auf brauner Erde. Diesem setzt sie eine massive blaue Fläche entgegen mit der Abbildung von zwei spielerisch-kämpfenden Mädchen. Petra Johanna Barfs erklärt, dass es keine klare Vorgehensweise gibt, die Bilder entstehen in gewisser Spontaneität. Dabei hat die Malerei elementaren Anteil an der Bildschöpfung. Die Sinnlichkeit des Farbeauftragens oder des Herunterlaufenlassens steht konträr zu den starren, vorgegebenen Bildvorlagen, die sie auf die Malfläche klebt, die ihrerseits wie ein Filmstill die Bewegung der Personen festhalten. Die Vereinigung von Bewegung und Statik und das In-Serien-Denken sind Relikte der im Medium Film erfahrenen Künstlerin.

Es scheint fast so, als arbeite sich die Künstlerin ab an den fröhlich lächelnden, tanzenden, singenden Mädchen, denn all diese Unbeschwertheit trägt das Böse und Gewalttätige des nationalsozialistischen Systems in sich. Man kann diese Mädchen nicht ansehen, ohne an den Schrecken zu denken. Man kann nicht auf diese hellen Blusen schauen, ohne die gestreifte Häftlingskleidung der in den KZ Gequälten vor Augen zu haben. Die Fotos dieser Mädchen vermitteln eine heile Welt, ein Weltbild, das sich im Heimatfilm der fünfziger Jahre fortsetzte, für den sich die Künstlerin auch deswegen interessiert, weil er das Rollenmuster der aufopfernden Ehefrau und Mutter weitertrug. In manchen Köpfen existiert dieses Frauenbild noch heute.

Die Künstlerin sieht sich in der Tradition eines Anselm Kiefer, der ebenfalls mit collagenartigen Materialmixen die Mythen und Symbole der deutschen Vergangenheit bloßzustellen sucht und an Tabus rührt. Barfs konzentriert sich auf die Rollenzuweisung der sportlich-fröhlich-friedlichen Frau, die sich lächelnd und singend willig ins System einfügt.


(Zur neuen Werkserie von Petra Johanna Barfs von Dr. Isa Bickmann /Freie Kunsthistorikerin, Autorin, Lektorin und Kuratorin)