Petra Johanna Barfs


Home

Arbeiten

Texte

Vita

Links

Kontakt

Impressum
Wege
von Matthias Wellmer, 2016

Über "Die Blaue Stunde"
von Esther Erfert M.A., 2015

Eröffnungsrede von
von Ludwig Seyfarth, 2012

Erinnerung an die Erinnerung
von Peter Härtling, 2009

Heimat, Identität und Tabu
von Dr. Isa Bickmann, 2007
Erinnerung an die Erinnerung von Peter Härtling

Die Mädels, die in die Bilder von Petra Johanna Barfs springen, muskulös, straff, blond und mit dem Willen zur Schönheit, sind Geschöpfe der Erinnerung an die Erinnerung, also Abgesandte einer frag-würdigen Geschichte, und die Tannenhintergründe wiederum stehen für einen mittlerweile fraglos gewordenen Begriff, für "Heimat".

Was Frau Barfs kritisch und nachdenklich nachholt, holt mich ein. Ich habe als elfjähriger Pimpf noch jene von Leni Riefenstahl im Gegenlicht fotografierten Mädchen kennengelernt, unabdingbar blond und provokant, Wesen, die, in eine Ideologie hineingewachsen, Führer, Volk und Vaterland dienen - und ich, der sie bewundernde und fürchtende Knabe, trug Uniform wie sie. Die Heimat musste verteidigt werden gegen den Ansturm der Fremden, des Fremden, die Heimat besiegelte unsere Herkunft, germanisch, nordisch, Eichen und Tannen gehörten zu den Requisiten, und in einem überaus erfolgreichen Film der vierziger Jahre "Quax der Bruchpilot", sang Heinz Rühmann: "Heimat deine Sterne/ Sie strahlen bis an einen fernen Ort/ Was sie sagen, denke ich ja so gerne/ Als der Liebe zärtliches Losungswort." Dies zum Mitsingen. Für den Mann in der Ferne, an der Front, war die Heimat mit den Gedanken an die Frau verbunden. Die deutsche Frau, wie sie sich der Führer und seine Spießgesellen vorstellten, schön und gebärbereit. Die Frauen freilich schlugen sich mit einer ruinierten Wirklichkeit herum. So erfuhr ein Pimpf, der eben noch für die nordische Schönheit von BDM-Maiden schwärmte, seine erste Lektion in Geschichte: Die Front näherte sich der Stadt Olmütz, die er als heimatliches Terrain verstand, und seine Mutter entschloss sich mit ihrer Schwiegermutter und zwei Schwägerinnen zur Flucht. Als eine mögliche Station war den Frauen Mährisch-Trübau genannt worden, ein Bauernhof. Dort lagerten in einer riesigen, leergeräumten Scheune ungezählte Frauen und Kinder, alle ohne Ziel und Verabredung. Auf einem Spaziergang rund um den Gutsteich, den die Frauen zu einer Lagerbesprechung nutzten, fiel meine Großmama aus der Rolle. Die Flucht, die Zustände in dem überfüllten Zug, das Chaos in der Scheune hatten ihr die Fassung geraubt, sie zog ein Etui aus der Tasche ihrer Kostümjacke, öffnete es und warf mit wütendem Schwung einen Gegenstand in den Teich, ihr, wie sie erklärte, Mutterkreuz, eine Gabe des Führers. Das Ding könne sie nun nicht mehr als Auszeichnung verstehen. Den Jungen erschreckte dieser Frevel: Die Verzweiflung von Großmama musste schon sehr groß sein. Wir setzten die Flucht bald fort. Heim kamen wir nicht mehr.

Mir fiel diese Szene ein, als ich mich fragte, welche Vorbilder die Abbilder auf Frau Barfs Collagen haben, und ob sich und wie sich unser Begriff von Heimat unterscheide. Die Abbilder oder eben die Stereotypen, bekommen Kontur durch Mode, durch Trends. Sie entwickeln sich und formen sich nach den Strömungen der Zeit. Auf die androgynen Garconnes der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts folgten in den Dreissigern und Vierzigern die muskulösen Blondinen, gut vorbereitet, dem Führer zukünftige Soldaten zu schenken. Ging es um die Beschwörung von Heimat, nahmen die braunen Propagandisten die großen Städte aus. Urbanität war nicht nach ihrem Geschmack. Sie zogen das Ländliche vor, den arisch bestellten Acker. Einer Dichter der zeit, Hans Grimm, redet dem Volk ein, ihm fehle es an Raum, womit er die aggressive Geopolitik Hitlers bekräftigte, und Literatur indirekt den Krieg anzettelte. Der allerdings endete nicht damit, das der Lebensraum erweitert wurde, im Gegenteil: Er endete mit Zerstörung und Heimatlosigkeit. Ungezählte Menschen mussten flüchten, wurden aus ihrer Heimat vertrieben.

Vielen meiner Generation fiel es schwer, nach allem ideologischen Geschwafel, von Heimat zu reden, sie zu erklären. Ich war ein Flüchtlingsjunge, der Heimat zu vergessen trachtete, und dem die Erinnerung an sie durch die Parolen von vertriebenen Funktionären vergellt wurden. Die Frauen hingegen erwiesen sich in der Katastrophe als durchtriebene überlebenskünstlerinnen. Alleingelassene und Alleinerziehende - nicht mehr die germanischen Träumen und fotogene Schönheit verpflichteten Turnerinnen Leni Riefenstahls, sondern aufgeklärt durch Chaos, Not und ängste.

Auf den Bildern von Petra Johanna Barfs werden Heimat und die Mädchen als Boten einer heilosen Geschichte zitiert. Zitate bedürfen meistens einer Erläuterung durch ihr Umfeld oder deutliche Zusammenhänge. Die fehlen hier nicht. Den beide Zitate, das Frauenbild der Nazis und die stereotype Heimat in Gestalt des deutschen Tannenwalds, gehören zueinander, ja- sie bedingen einander, wenn aus der Erinnerung an die Erinnerung Geschichte erzählt wird. Frau Barfs reagiert auf das Schweigen der Eltern und Großeltern und auf ein Geschichtswissenschaft und Schule weitergegebenes Geschichtsbild. Es ist die gewissermaßen sekundären Geschichtserfahrung ihrer Generation. Sie muss sich ein Bild machen. Sie muss sich vorstellen, was sich ereignet hat. Und sie will in ihrer Arbeit erzählen, was sie sich vorstellt. Also vereinfacht sie, um zu Bildern zu kommen, das Personal und den Hintergrund. Das Personal ist ihr gleichermaßen nah und unvertraut: Es sind die Frauen, die Mädchen. Und der Hintergrund ist der Schein von Heimat. In diesem Fall wagt sie es, sich vom Begriff etwas zu entfernen und ihn zu ironisieren. Ihre kühne Vereinfachung eines Begriffs auf ein Klischee, die kunstvolle Ironie, haben mich verblüfft. Eine derartige Entschiedenheit teilt sie mit einem Künstler, den sie schätzt, mit Anselm Kiefer.

Ihr vorzuwerfen, sie gebrauche und missbrauche Klischees, die Geschichte verkürzen und einseitig pointieren, sie kenne nicht, worauf sie reagiere, das ihr vorzuwerfen, halte ich für unsinnig, und darauf ist in schlagkräftigen Kalaueren zu antworten: Dante war auch nicht in der Hölle, Schiller keineswegs Obrist in Wallensteins Heer, und Goethe fuhr nicht mit Faust, von Engeln geleitet, in den Himmel.

Der Wille zur Schönheit, eine Floskel Nietzsches, wird hier, auf den Bildern, die uns umgeben, gebrochen durch Fragen, die entstehen, wenn auf Gemeinplätzen von allmählich im Gedächtnis verrottenden Wirklichkeiten erzählt wird. Es sind Wiklichkeiten, die unsere Geschichte ausmachen. Kunst ist nicht unbedingt barmherzig, sie muss genau sein. Genaugenommen steckt erfahrene Heimat in den Bildern von Petra Johanna Barfs.


(Peter Härtling/Schriftsteller)